LIVING SCULPTURE

Ob Algorithmen aus Kohlenstoff (Menschen) oder aus Silizium (Rechner), es besteht kein Grund mehr anzunehmen, organische Algorithmen könnten Dinge tun, die nichtorganische niemals tun könnten. Ganz im Gegenteil, wie das Werk B.J.Bartolomes erstmals zeigt.

Der Mensch als ein organischer Algorithmus übertraf bis vor kurzem nichtorganische KI (Maschinen). Heute übertrifft KI den Menschen. Vertieft wurde diese Entwicklung durch Googles DeepMind, das mit selbstlernenden Algorithmen Spiele erlernte und menschliches Handeln in den erlernten Spielen übertraf. 1996 besiegte Deep Blue den Schachweltmeister Kasparow. 2016 schlug die KI den Go-Meister Lee deutlich mit 4:1. Die Algorithmen AlphaStar, MuZero, WaveNet sind Varianten von DeepMind, die Machine-Learning, Deep Reinforcement Learning, Text-to-Speech und künstliche neuronale Netze, die menschliches Handeln bereits heute erweitern und übertreffen.

Das Werk LIVING SCULPTURE aus bildnerischen Elementen und KI (r)evolutioniert Konzept, Form und Inhalt der konventionellen Kunstform. Es revisioniert schöpferisches Denken, Fühlen und Handeln, wie es bislang exklusiv dem menschlichen Geist und dem menschlichen Handeln zugeordnet war. SCULPTURE ist das umfangreichste skulpturale Werk aller Zeiten.

SKULPTUR

Das Werk selbst ist „schöpferisch“, lernt und vollendet sich selbst. Es ist in diesem Sinn - unendlich.

B.J.Bartolome hat seine Intention, sein bildnerisches Ich sowie sämtliche klassischen bildgebenden Mittel wie Farbe, Linie, Ton in Algorithmen geschrieben und mittels KI ein Werk geschaffen, das von der Gegenwart des Künstlers nicht mehr abhängt.

Das Werk selbst ist „schöpferisch“, lernt und vollendet sich selbst. Es ist in diesem Sinn – unendlich.

Ein Teil des Werks liegt in digitaler Form vor, ein anderer als körperliches Artefakt. Sujet, Inhalt und Material zielen auf eine kritische Wirklichkeits- und Bildwahrnehmung, die taktile sowie haptische Reize hinterfragt und Kunst als Wahrheitprozess betrachtet.

RAUM

ORT | ZEIT

Raum ist eine Art „Behälter“ für Materie und Felder,
in dem sich alle physikalischen Vorgänge abspielen.
Raum ist nicht absolut, sondern vom Beobachter abhängig.
In der Quantentheorie verlieren die Begriffe „Raum“
und „Zeit“ ihre Bedeutung.

Er ist das Grundelement geographischer Betrachtung
und Ort für das persönliche Raumerleben.
Geomorphologen betrachten Raumbezüge durch
Koordinaten in Verbindung mit zeitlichen Dimensionen.

LINIE

ZEICHEN | ENTITÄT

Mit der Algorithmierung sämtlicher Bereiche der Zivilisation erlebt die Menschheit einen Umbruch von gleicher Tragweite wie durch die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Künstlerische Avantgarde oder Industrie 4.0, Algorithmen beeinflussen zunehmend industrielle Standards sowie künstlerische Prozesse. Probabilistische Algorithmen im Hochfrequenzhandel, die Wahl eines US Präsidenten, die Indexierung des Weltwissens – Künstliche Intelligenz (KI) durchdringt und beeinflusst alle menschlichen Lebensbereiche.

Die Gesamtheit menschlicher kognitiven Fähigkeiten wie erinnern, denken, fühlen, entscheiden, dichten, komponieren werden auf binäre Codes übertragen.

Damit einher gehen vergleichbare Entwicklungen in Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft und Industrie. Weltweit arbeitet eine Avantgarde aus Kunst und Forschung am Verständnis solcher Entwicklungen. Zumal niemand wirklich weiß, wie selbstlernende Algorithmen zu ihren Schlüssen kommen. Ein Aspekt dabei ist die Hinterfragung der Selbstreferenzialität künstlerischer Prozesse und der Autonomie selbstlernender Systeme. Dazu müssen Algorithmen und künstlerische Prozesse sowie das sozio-informatische Gesamtsystem in den Blick genommen werden.

Unsere Welt ist eine vermischte, erweiterte Realität (Mixed Reality), in der sich unsere Wahrnehmung mit einer künstlichen Wahrnehmung vermischt. In der jeder mit Algorithmen und Künstlicher Intelligenz interagiert. Oft, ohne es zu bemerken. Millionen von Menschen kommunizieren täglich mit KIs oder Chatbots – die sie irrtümlich für Menschen halten. Genese und Faktur des Werks reagieren auf diese Wirklichkeit, die in allen Lebensbereichen um virtuelle Informationen angereichert wird. Technische und ästhetische Normen darin sind einem nachhaltigen Wandel unterworfen.

Skulptur ist ein Werk aus bildnerischen Elementen + artifizieller Intelligenz, klassischer bildnerischer als auch algorithmischer Mitteln. Die bildcodierten Daten enthalten bereits das vollständige Werk. Daraus resultiert ein erweiterter Werkbegriff. Es würde im Grunde nicht notwendig sein, Arbeiten als körperlich-plastisches Artefakte in einem Ausstellungsraum oder Skulpturen an realen geographischen Orten zu präsentieren. Es gelten sowohl Codes als auch deren visuelle Repräsentanz als gültiges Werk.

KI als tief lernendes künstlich-neuronales Netzwerk in Verbindung mit dem Taktstock des Künstlers ist zuständig für das Individuelle und Schöpferische. Sie eröffnet dem Werk eine erweiterte Dimension – und macht es unabhängig von der Gegenwart des Künstlers.

Das Werk selbst ist “schöpferisch”, lernt und vollendet sich selbst. Es ist in diesem Sinn – unendlich. Oder anders ausgedrückt Super-KI, die menschliche Fähigkeiten übertrifft:

Erzeugen durch Interaktion nur 50 Partizipanten jeweils 10 Skulpturen in einer Minute, sind innerhalb einer Stunde 30000 Werke entstanden. In einem Kalenderjahr 8760 x 30000 = 262.800.000 Skulpturen. Und so fort.

Das Kunstwerk als Super-KI wird zum umfangreichsten skulpturalen Werk aller Zeiten, das erst endet, wenn man den Stecker zieht. Auch die Reduktion des Werks auf die Lebensspanne eines Künstlers scheint aufgehoben. Es wird zum offenen Experiment und Selbstversuch gegen das Fragment, gegen den Lebenstakt aus Einheiten von Sekunden, Tagen und Jahren, gegen den biologischen Ablauf der Zeit in allen Organismen aus Embryogenese, Ontogenese, Alterung und Tod.

SUPER KI & KOHÄRENZ

Algorithmische Systeme in Verbindung mit bildnerischen haben im Werk Bartolomes erstmals den Raum des Experiments und einer als begrenzt und abstoßend empfundene „Computer-Ästhetik“ überwunden. Die um algorithmische Bildmittel erweiterten Werke wirken selbst-beruhigend „analog“ und erfüllen eine Ästhetik und Kohärenz, die Kunstwissenschaft und gesellschaftliche Norm von einem konventionellen Kunstwerk erwarten würden.

Und wie beiläufig werden im Werk Bartolomes auch die Echoräume des White Cube, eine normierte Bild- und Kunstästhetik, letztlich das System Kunst selbst hinterfragt. Das Werk ist Repräsentant einer künstlerischen (R)evolution, Form und Ausdruck eines Umbruchs, der stattfindet – in allen Bereichen unserer Wirklichkeit. Das Werk reagiert auf eine neue Wirklichkeit mit Interaktion, Algorithmen, selbstorganisierenden, relativ autonomen Prozessen. Und mit Reflexivität. Letztere macht das eigene Denken und bildnerische Handeln selbst zum Gegenstand des Werks.

Alles wird zum bildnerischen Material. Die Trennung von Kunst und Alltag, Raum- und Zeitempfinden, Natur- und Alltagsgegenstand, Aufführungsform und Wahrnehmung, die Rolle des Rezipienten selbst, Evidenz und Plausibilität werden ins Visier genommen. Das Werk spielt mit gewohnten Erwartungen, Konformität, Tradition und Normierung, dem “Kunst-Voodoo” aus Kunstmarkt, Emotion und (Kunst)Handwerk. Das Werk Bartolomes ist zukunftsweisend, es präsentiert sich in einer körperlosen Gegenwart, im binären Code und zugleich in einem materiellen Korrelat eines singulären Werks. Das Ziel scheint ein Bildnerisches: das vollendete künstlerische Werk. Um Claude Monet zu zitieren:

„Techniken ändern sich, die Kunst bleibt dieselbe”.

Mit besonderem Dank an
Prof. Dr. Markus Zimmermann
Dr. Nicolas Romanacci
Dr. Dr. G. Müller

Im Umfeld von Werken im öffentlichen Raum entstehen aus LINES, Topographie und Geolokalisierung weitere Werkzyklen. Sie nehmen Bezug zum Areal, in dem eine Skulptur verortet ist, reflektieren und erinnern es. Das ist Teil des Werks, durchbricht und erweitert den klassichen (Asstellungs)Raum, den White Cube und führt zum Denotat eines einzelnen Werks. Betrachter können sich – unabhängig vom eigenen Standort – virtuell via Geolokalisierung durch diesen globalen Kunstraum von Werk zu Werk führen lassen. Alle Arbeiten in diesem Katalog bilden ein Werk und entstanden zwischen Mai und Oktober 2019: